Diebstahl auf dem Jakobsweg – Ein Gastbeitrag von Candy Szengel

 
 

Candy auf dem Jakobsweg

Ein wichtiger Punkt, der mir bei meiner Reiseplanung eher beiläufig auffiel, war das Thema Sicherheit, genau genommen: Die Gefahr bestohlen zu werden. Ob nun in Foren oder auf anderen Internetseiten, überall wurde das Thema nur kurz angeschnitten. Neben den meist positiven und spirituellen Reiseberichten sind solche Themen wie Diebstahl und Betrug schnell mal überlesen oder einfach weggeklickt. Dennoch erkundigte ich mich danach, was man vorbeugend gegen solche bösen Überraschungen tun kann. Die meisten Hinweise bezogen sich auf die Nutzung von Gürtel- und Bauchtaschen. Ich kaufte mir zudem eine kurze Hose, deren Taschen sich mithilfe von Knöpfen verschließen lassen. „Damit bin ich auf der sicheren Seite!“, dachte ich!

Zu Beginn meiner Tour war ich noch von dem Gedanken besessen, dass in jedem Mitbürger ein potenzieller Dieb stecken könnte und nahm sogar meinen Rucksack mit ins Bett, der mir sämtlichen Platz raubte. „So kann das nicht weitergehen“, beschloss ich und entspannte mich in den folgenden Tagen. Schließlich befand ich mich auf einem heiligen Weg.

Tage später wurde ich dann doch mit dem Thema Diebstahl konfrontiert. Eine Mitpilgerin hatte bemerkt, dass ich viel (etwa 200,00 Euro) Bargeld bei mir trug und warnte mich davor, es beim Bezahlen im Supermarkt oder in der Pilgerherberge für andere sichtbar zu machen. Sie selbst sei bestohlen wurden. „Für einige Minuten lag mein Portemonnaie unbeaufsichtigt auf einer Bank. Zugegeben, das war mein Fehler. Ich hatte es dort vergessen. Als mein Mann es dann holen wollte, war es schon weg. Wir fanden es im Gebüsch. Das Geld war entnommen – die Ausweise zum Glück noch da.“

Ich ärgerte mich über die Dreistigkeit der Gauner, einfach Pilger zu bestehlen, verbrachte aber dennoch wundervolle Tage auf dem Weg. Allerdings begannen sich die Geschichten über gestohlenes Geld, Kameras, die direkt aus dem Bett eines schlafenden Pilgers entwendet wurden, über verschwindende Handys und Kreditkarten, zu häufen. Ich wurde vorsichtiger.

Aber das reichte nicht. In der malerischen und lebendigen Stadt Burgos verbrachte ich einen Ruhetag – nicht zuletzt, um mit einigen meiner Pilgerfreunde zu feiern und das Nachtleben auszukosten. Nach durchzechter Nacht schlenderte ich im Dunkeln zu meiner Pension, als ich plötzlich bemerkte, dass mein Portemonnaie nicht mehr dort war, wo es hingehörte – nämlich in meine linke Gesäßtasche. Ich verfiel in Panik, suchte die Straßen ab und blieb erfolglos. Meine Papiere, mein Geld, meine Kreditkarte:  Alles war verschwunden. Bis auf 40,00 Euro, die ich lose in einer Tasche hatte, war alles weg. Ich beschloss meine Reise abzubrechen. Das neue Reiseziel, hieß: Deutschland. Und dieses Ziel zu erreichen, wird ohne Papiere schwer genug sein.

Meine Pilgerfreunde setzten ihre Wanderung fort – allerdings nicht ohne mir noch 200,00 Euro für die Rückreise zu geben. Nach Verabschiedung meiner Bekannten lief ich zur örtlichen Busstation. Auf Anraten eines erfahrenen Pilgers wollte ich den Bus zurück nach Deutschland nehmen, weil die Ausweiskontrollen dort wohl nicht so streng ausfallen wie im Zug oder am Flughafen.

Ich ging zum Ticketschalter und erfuhr, dass der nächste Bus erst in vier Tagen fahren würde. „Wenigstens liegt der Ticketpreis mit 170,00 Euro in meinem Budget.“, stellte ich fest und begann meine viertätige Sightseeingtour durch Burgos. Die erste Besichtigungsstation war ein Polizeirevier, wo ich den Diebstahl meldete. Mit einer Verlusterklärung, die mir den Ausweis ersetzen sollte, verließ ich das Gebäude und begann durch die Gassen zu streunen. Ich traf alte Bekannte wieder, streifte über den Kathedralsplatz und wurde zur Auskunftsperson für andere Pilger. Schließlich wusste ich bestens, wo der nächste Supermarkt ist, wie man zur Herberge und den örtlichen Pensionen kommt. Einigen Vorbeiwandernden erzählte ich meine Geschichte. Die meisten waren hilfsbereit und herzlich. Ich bekam den Hinweis, doch nach Madrid zu fahren, um mir einen vorläufigen Pass ausstellen zu lassen, der mich jedoch 37 Euro kosten würde. Da mein Geld knapp war und ich mich nicht vom Camino entfernen wollte, kam diese Möglichkeit für mich nicht in Frage. Ich wollte die Pilgerherzlichkeit, die es in einer Großstadt wie Madrid sicherlich nicht gab, keinesfalls missen. Hier wurde ich zum Essen eingeladen und durfte eine zusätzliche Nacht in der Pilgerherberge verbringen.

Einen Tag vor meiner möglichen Abreise kehrte ich zum Busbahnhof zurück, um mir mein Ticket zu kaufen. Weil ich kein Spanisch sprechen kann und der Verkäufer kein Englisch spricht, schob ich ihm einen Zettel mit meinem Reiseziel hin. Dann fragte er nach meinem Ausweis. Ich entgegnete: „No passport!“ und präsentierte ihm stattdessen das Dokument von der Polizei. „Kein Ausweis, kein Ticket.“, lautete seine unmissverständliche Antwort. Nicht einmal meine Personalausweisnummer auf meinem Pilgerpass, half mir weiter. Mit hängenden Schultern trabte ich nach Draußen und hoffte auf ein Wunder.

Es funktionierte. Dieses Wunder war ein alter Bekannter – einer meiner Pilgerfreunde, der innerhalb Spaniens Busfahren wollte. Er kaufte sein Ticket und kam freudestrahlend zu mir zurück. „Am Automaten habe ich eine Frau getroffen, die Englisch und Spanisch spricht und bereit ist, mit dem Ticketverkäufer zu verhandeln.“ Wir stürmten hinein und lauschten dem Redeschwall der Spanierin, die solange auf den Verkäufer einredete, bis ich meinen Fahrausweis in den Händen hielt. Dankend fiel ich ihr um den Hals.

Sogar noch nach meiner Rückkehr nach Deutschland, hörte ich immer wieder von bestohlenen Freunden und Mitpilgern. Mit diesem Erfahrungsbericht möchte ich Euch sagen, wie fantastisch eine Pilgerreise sein kann, wie viel Hilfsbereitschaft mir in meiner misslichen Lage zu Teil geworden ist und wie wichtig es ist – trotz all der guten Erfahrungen –  aufmerksam zu sein …

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