4 Tage, 2 Schlüpfer und 1x London

 
 

Freier Fall im London DungeonEs ist Freitag, Vorweihnachtszeit, 3:30 Uhr. Umgeben von einer Eiswüste, in der völlig eingeschneite Autos parken, hocken wir zitternd in Silvanas blauem Seat und beobachten unsere Atemwolken auf ihrem Weg an die Fensterscheiben. Wir sind vor ein paar Minuten auf dem Flughafengelände in Hannover angekommen und warten auf ein Shuttletaxi, das uns zum Terminal bringen soll.

Wenig später fährt ein beleibter Fahrer mit grauem Haaransatz vor und sammelt uns ein. Während der kurzen Tour erzählen wir ihm von unserem Reiseziel, woraufhin er sofort schließt, dass wir doch nur zum Shoppen und Männer abschleppen in die englische Hauptstadt wollen. Wir lassen ihn in dem Glauben und erwähnen Big Ben, Buckingham Palace und die Tower Bridge erst gar nicht und steigen freundlich winkend aus.

Bevor es dann aber überhaupt in die Luft gehen kann, muss unser Flugzeug erst noch mit Enteisungsspray eingenebelt werden. Während Conny schon längst schläft, beobachten Silvana (bekannt aus der Kanadakolumne „Die Kreditkarte kennt den Weg“) und ich die Aktion, solange bis der Sprühnebel uns die Sicht nimmt.

Innerhalb einer Flugstunde geht es dann endlich frostfrei zum Londoner Flughafen Stansted, den wir gegen 8.00 Uhr erreichen.
Dort angekommen, kaufen wir uns Tickets für den Transferbus. Wir müssen kräftig durchatmen, als der Fahrer linksherum in den Kreisverkehr fährt und sich dann auch auf der linken Straßenseite einordnet. In unserer Müdigkeit haben wir daran gar nicht mehr gedacht. Vorsichtshalber werfe ich einen Anti-Würg-Kaumgummi ein, um meiner sporadisch auftretenden Reiseübelkeit vorzubeugen. Das funktioniert auch sehr gut und nach einer eineinhalbstündigen Busfahrt befinden wir uns im Zentrum Londons und stürmen den erstbesten McDonald’s, den wir finden können. Verzweifelt suchen wir darin nach einem WC und erfahren, dass es keine Toiletten gibt. Das wird nicht das einzige Mal an diesem Wochenende so sein …

Innerhalb von drei U-Bahn-Stationen sausen wir dann erst einmal zur St Pancras-Station und checken im Sechsbettzimmer des Hostels London St Pancras ein. Ohne Gepäck spazieren wir wieder in die Innenstadt und laufen zum London Dungeon, einem Gruselkabinett. Es befindet sich unter dem Bahnhof London Bridge und thematisiert die blutige Geschichte Englands. Dort gibt es unter anderem Ausstellungen über die Große Pest, den Brand von London sowie Jack the Ripper. Wir überlegen fünf Mal, ob wir da tatsächlich hineingehen sollten, weil wir uns normalerweise schon bei Harry Potter-Filmen gruseln. Nun ja, wir sind ja zu dritt und beschließen, es zu wagen. So durchlaufen wir verschiedene Shows, moderiert von monströs verkleideten Menschen und kreischen nur, als Jack the Ripper urplötzlich neben uns auftaucht. Einmal allerdings brüllen wir aus vollem Halse, nämlich während der Abschlussattraktion: Dem freien Fall. Das dazugehörige Foto spricht Bände und erspart mir die Worte …

Im Anschluss besuchen wir die Saint Paul’s Cathedral, eine der größten Kathedralen der Welt. Lady Diana und Prinz Charles heiraten in diesem atemberaubenden Prunkbauwerk. Gespannt auf die bevorstehende 17 Uhr-Messe setzen wir uns in die Kirche und lauschen den ersten Klängen des Chors. Urplötzlich, so als hätte jemand die Macht über unsere Körper ergriffen, schlafen wir ein. Ständig fallen uns die schweren Köpfe nach vorn, wir schrecken heftig auf, öffnen die Augen, beten, dass es niemand bemerkt und nicken erneut ein. Nach dem zwanzigsten Sekundenschlaf haben wir genug und schleichen uns hinaus.

Am folgenden Morgen – der Handywecker reißt uns nach elf Stunden Schlaf brutal aus den Träumen – suchen wir unsere Sachen für den Tag zusammen; wobei eine von uns (Anonymität muss gewahrt werden) feststellen muss, dass ihr die Unterwäsche rapide ausgeht. Als diejenige ihre Sachen gepackt hatte, war ihre Rechnung ganz simpel: Ein Wochenende London. Fazit: 2 Schlüpfer. Alles klar. Die Anreisetage hatte sie völlig außer Acht gelassen, sodass sie nun irgendwie einen Unterwäschemangel von zwei Tagen ausgleichen muss. Gut, dass die Geschäfte geöffnet sind …

Schlüpfer hin oder her: Wir besuchen heute zuerst das Wachsfigurenkabinett Madame Tussauds und erfreuen uns zunächst an Will Smith, der Royal Family, Gandhi und Co. Die Freude weicht uns wie die Farbe aus dem Gesicht, als wir die Unterwelt des Kabinetts betreten. Warnschilder, die Blutdruckpatienten und Schwangeren den Zutritt verwehren, geben eine verheißungsvolle Ahnung dessen, was da kommen mag. Ängstlich betreten wir einen stockfinsteren Gang, als wie aus dem Nichts ein Mensch im Monsterkostüm hervorspringt und uns erschreckt. Schreiend hüpfen wir aufeinander zu, umklammern uns fest und laufen zögerlich weiter. Nachdem die dritte Hand aus der pechschwarzen Wand nach uns gegriffen hat, schreien wir uns mit einem einzigen Atemzug bis an das Ende der Horrorpassage.
Mit einem 200er Puls verlassen wir die Sehenswürdigkeit und steigen in einen roten Doppeldeckerbus, mit dem wir den Großteil der Innenstadt abfahren. Wir stöpseln unsere Kopfhörer in den deutschsprachigen Kanal und tuckern an Big Ben, Westminster Abbey, Tower und weiteren großartigen Bauwerken vorbei über die Themse und bewundern, mit einbrechender Dunkelheit, die goldene Beleuchtung der Stadt, die Moderne und Tradition auf so ehrwürdige Art miteinander vereint. Bevor wir unsere Kältestarre auflösen und den offenen Bus verlassen, möchte ich noch herausfinden, wie sich die Stadtführung auf Japanisch anhört, ziehe den Kopfhörer raus und stecke ihn um. Es passiert nichts. Gar nichts. Der Ton läuft auf Deutsch weiter. Ratlos drehe ich den Stecker. Währenddessen ruhen Connys Blicke längst auf mir. Ihre Mundwinkel zucken unkontrolliert. Verwirrt entgegne ich: „Japanisch läuft hier gar nicht.“ Daraufhin prustet sie ausgelassen los und lacht, ohne Luft zu holen. Nach einer Weile begreife auch ich was los ist: Seit ein paar Minuten erlebt Conny die Stadtführung auf Japanisch, weil ich die Kopfhörerstecker verwechselt habe. So etwas passiert eben …

In der Nähe unseres Hostels verlassen wir das Fahrzeug steifen Schrittes und rennen bibbernd in das erste Pub, das wir sehen und lassen den Tag bei Guinness-Bier und Abendessen ausklingen.

Der Sonntag beginnt adrenalinreich. Auf dem Weg zur Haltestelle müssen wir einige große Straßen überqueren. Für die Fußgänger steht auf der Fahrbahn geschrieben: „Look right“ bzw. „Look left“. Trotzdem bekommen wir immer wieder Angst und rennen letztendlich wie angestochen los und kreischen, wenn die Motorengeräusche lauter werden. Die Autofahrer haben garantiert Spaß daran, drei Mädels, die wie Hühner auf Speed über die Straße schießen, zu beobachten.
Die Busfahrt ist wesentlich entspannter und wir drehen nochmals eine so große Runde, dass wir mit unseren kältegeschrumpften Blasen in der Nähe des Buckingham Palace in ein Starbucks-Café, einen Subways und noch eine weitere Cafeteria rennen müssen, um dort zu erfahren, dass es keine WCs gibt. Wir erhalten den Tipp, es am nächsten Bahnhof zu probieren und bekommen dort für 30 Pence tatsächlich das, wonach wir gesucht haben.

Entspannt sehen wir uns den Buckingham Palace an, schieben uns durch Menschenmassen über einen Weihnachtsmarkt und beenden das Touri-Programm mit einem Besuch im Harrods, einem der berühmtesten und exklusivsten Warenhäuser auf dem Globus.

Mit einem Zug, dessen Bummeltempo dem einer deutschen Regionalbahn in nichts nachsteht, rumpeln wir am frühen Abend zum Flughafen und kehren der stimmungsvollen Metropole den Rücken.

Für mich steht fest: London, ich komme wieder!

 

 

 

 

 

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